Mit Tricks gegen das Besaugen

27. Februar 2025

Wenn sich Kälber gegenseitig besaugen, ist in der Regel ihr Saugbedürfnis nicht befriedigt. Die Haltungsumwelt anzureichern, hilft gegen das Besaugen. Auch die Art der Fütterung hat einen Einfluss.

Wenn das Saugbedürfnis nicht befriedigt ist, besteht die Motivation zum Saugen weiter und es kann zu umgerichtetem Verhalten (z.B. Besaugen an Ohren, Nabel, etc.) kommen. Foto: Landpixel

In der heutigen Milchviehhaltung haben wirtschaftliche und steigende Hygieneanforderungen zu rationalisierten Haltungssystemen in der Kälberhaltung geführt. Meist wird das neugeborene Kalb in den ersten zwei Lebenswochen einzeln gehalten und manuell getränkt – oft nur zweimal täglich. Auch wenn so der errechnete Nährstoffbedarf des Kalbes durch die Milchtränke gedeckt ist, bleibt das Saugbedürfnis des jungen Tieres unbefriedigt.

Durch die sofortige Trennung von der Mutter und das restriktive Tränken sowie darüber hinaus auch durch die Einschränkung sozialer Kontakte zu anderen Artgenossen können verschiedene Verhaltensweisen und Bedürfnisse der Kälber nicht genügend ausgelebt und somit befriedigt werden. Dazu zählen zum Beispiel Saugen, Spielen oder Komfortverhalten. Dies kann in der Folge zu Verhaltensstörungen wie oralen Stereotypien und gegenseitigem Besaugen in der anschließenden Gruppenhaltung führen. Typische Anzeichen sind auch übersteigertes Belecken von Gegenständen oder Zungenschlagen.

Maßnahmen zur Linderung

Viele Stressfaktoren in der Kälberhaltung bieten im Umkehrschluss gleichzeitig das Optimierungspotenzial für die Haltung und sind durch das Management beeinflussbar. Im Folgenden sind die wesentlichen Stressfaktoren der Kälber und Maßnahmen zur Reduzierung aufgeführt. Wenn das Saugbedürfnis nicht befriedigt ist, besteht die Motivation zum Saugen weiter und es kann zu sogenanntem umgerichteten Verhalten kommen. Umgerichtetes Verhalten äußert sich zum Beispiel darin, dass andere Kälber an Ohren, Nabel, Euteranlage oder Hoden besaugt werden. Dies ist zum einen für das besaugte Tier mit Leiden, Schmerzen und Schäden wie zum Beispiel Schädigung der Euteranlage oder Nabelentzündungen verbunden. Aber auch das saugende Tier trägt Leiden, Schmerzen und Schäden davon. Durch das Besaugen eines anderen Tieres sammeln sich im Verdauungstrakt und besonders im Magen Haare, die Klumpen bilden können.

Zur Verhinderung des Besaugens werden Kälber in der Gruppenhaltung darum häufig direkt nach dem Tränken etwa eine Viertelstunde lang fixiert. Diese Maßnahme bekämpft aber nur das Symptom und nicht die Ursache. Die Verbesserung der Haltungsumwelt durch das Anbieten von Beschäftigungsmaterial ist dagegen tiergerecht und beugt dem gegenseitigen Besaugen dauerhaft vor.

Spiel und Erkundung fördern

Bei neuen Objekten in der Bucht zeigen Kälber, wie alle Jungtiere, ein ausgeprägtes Erkundungs- und Spielverhalten. Nach ausreichendem Anschauen und Beschnuppern wird versucht, das Objekt zu belecken, zu bekauen oder – wenn verdaulich – zu fressen. Auch das Sozialverhalten und die soziale Körperpflege sind für das Tierwohl der Kälber wichtig: In der Natur werden Kälber während des Saugens von der Mutter abgeleckt. In der mutterlosen Aufzucht fehlt diese soziale Körperpflege. Auch dies ist ein Grund dafür, dass sich die Kälber gegenseitig belecken und auch am Rücken oder in der Hüftregion anderer Kälber knabbern.

Beschäftigung lohnt sich

Auch scheuern, kratzen und reiben sie sich an geeigneten Gegenständen. Bietet man ihnen zum Beispiel eine Bürste in der Bucht an, beschäftigen sie sich damit etwa hundertmal am Tag, so eine kanadisch-neuseeländische Studie.

Es lohnt sich also, den Tieren Möglichkeiten für die Beschäftigung und für die Körperpflege anzubieten. Es zeigte sich zudem, dass Kälber, die schon früh an Veränderungen in der Haltungsumwelt gewöhnt werden, später als Färsen und als Milchkühe weniger schreckhaft sind und positiver auf neue Reize reagieren. Doch wie sieht gutes Beschäftigungsmaterial aus? Die Fütterung, und insbesondere die Sättigung, ist ein wichtiger Hebel bei der Vorbeugung gegen das gegenseitige Besaugen. In der Fütterung junger Kälber gilt die restriktive Milchfütterung mit einer Menge von 10 Prozent des Körpergewichtes inzwischen als überholt.

Die Fütterungsberatung empfiehlt heute, den Kälbern mindestens 8 bis 10 oder 12 l Milch oder Milchaustauscher zu geben. Bei einer ad-libitum-Fütterung mit Milch oder Milchaustauscher trinken Kälber etwa 20 Prozent ihres Körpergewichtes pro Tag.

Länger Tränken

Kälber, die vom ersten Tag an mit hohen Milchmengen gefüttert werden, wachsen besser, sind satt und besaugen ihre Artgenossen kaum oder gar nicht. Auch die Länge der Tränkemahlzeit beeinflusst den Drang nach gegenseitigem Besaugen. Nach der Kolostrumphase empfiehlt es sich daher, einen schwergängigeren Nuckel mit einer verminderten Durchflussrate zu verwenden. Bei automatischen Tränkesystemen kann es vorkommen, dass die Kälber sich gegenseitig besaugen, obwohl das System auf ad libitum eingestellt ist. Dies könnte daher kommen, dass die einzelnen Mahlzeiten zu klein und zu kurz sind, sodass die Kälber nach dem Trinken noch Hunger verspüren und zum Saugen motiviert sind.

Das Alter der Gruppe sollte daher möglichst gleichmäßig sein und die Gruppengröße nicht zu groß gewählt werden, damit alle Kälber ausreichend Zugang zur Kälbertränke haben und kein Konkurrenzkampf entsteht und schwächere Kälber abgedrängt werden. Gute Erfahrungen gibt es auch mit zusätzlichen Nuckeln, die sozusagen als Schnuller fungieren. Und inzwischen gibt es auch Kälberstarterbehälter in Flaschenform mit einer Art Nuckel als Dosierer.

Besaugen lässt sich steuern

Haltungsumwelten, die möglichst abwechlungsreiche Beschäftigungen bieten, ausreichende Fütterungsmengen und geeignete Fütterungstechniken sind wirksame Hebel, um Stereotypien wie dem gegenseitigen Besaugen der Kälber in der Gruppenhaltung entgegenzuwirken. Die Beschäftigungsmaterialien müssen dabei sowohl attraktiv für die Kälber sein, als auch hygienischen Anforderungen genügen. Sie müssen gleichzeitig arbeitswirtschaftlich umsetzbar, sowie haltbar und bezahlbar sein.

nutztierhaltung.de/BZL

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